Kongress 2009

76. DGSS-Kongress vom 26.-29. März 2009 in Bochum

Thema: "Stimme und Sprache in Erziehung und Bildung"

© Wolfgang Dirscherl / PIXEL

Die Ergebnisse der PISA-Studie belegten, dass die Bildungschancen von Kindern wesentlich von deren Laut-und Schriftsprachkompetenz bestimmt werden. Diese hängt von der Qualität und Quantität der Anregung und Förderung, vom Hörvermögen und weiteren Sinnesfunktionen sowie von der intellektuellen und motorischen Begabung der Kinder ab. Die Ursachen für Spracherwerbsstörungen klassifiziert man heute in B) „Spracherwerbsstörungen bei Komorbiditäten“ (z.B. Hörstörungen, andere Sinnesstörungen, motorische und intellektuelle Entwicklungsstörungen, Syndrome, u.v.m.) und C) Spracherwerbsstörungen durch ungünstige Umgebungsbedingungen (AWMF-Leitlinie Reg. Nr. 049/006). Die Ursachen machen deutlich, dass ärztliche bzw. medizinische und erzieherische bzw. pädagogische Disziplinen gleichermaßen gefordert sind, die Entwicklungs­bedingungen der Kinder zu optimieren. Weltweit ist man heute der Meinung, dass diese Optimierung nicht erst im Schulalter, sondern im Kindergarten- und Vorschulalter einsetzen sollte. Dies war das übergreifende Thema des 76. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Sprach- und Stimmheilkunde (DGSS, www.dgss-ev.org), der vom 26.-29. März 2009 in Bochum stattfand.

 

Derzeit werden in Deutschland zwei verschiedene Ansätze zur Früherkennung von Spracherwerbsstörungen im Vorschulalter verfolgt, für die Modellprojekte eingerichtet wurden. Für Nordrhein-Westfalen wurde ein flächendeckendes und vom Land finanziertes Früherkennungssystem von Spracherwerbsstörungen eingeführt (Delfin 4), das für alle 4 Jahre alte Kinder eine Vorsorgeuntersuchung vorsieht, dem ein pädagogisches Sprachförderprogramm im Kindergarten angeschlossen ist. Alle medizinischen Aspekte (A und B) werden wie bisher der kinder- und jugendärztlichen Vorsorgeuntersuchung, ggf. weiteren fachärztlichen Behandlungen, überlassen. In Hessen hingegen soll die Früherkennung vollständig in ärztlicher (pädiatrischer) Hand verbleiben.

 

Über das Projekt Delfin 4 berichtete die Sprachheilpädagogin Frau Professor Lilian Fried (Universität Dortmund) in einem Hauptvortrag, die maßgeblich an der Entwicklung der Testdiagnostik und des Förderprogramms verantwortlich zeichnete. Delfin 4 berücksichtigt das rezeptive und expressive Lexikon (Wortschatz), das Sprachverständnis, Syntax (Satzbau) und morphologische Regelbildung (z.B. Deklination, Konjugation). Aussprachestörungen (ehemals „Dyslalien“ „Artikulationsstörungen“) sowie Redeunflüssigkeiten (wie Stottern und Poltern) werden bewusst nicht testdiagnostisch quantifiziert, sondern nur erfasst und ggf. einer ärztlichen Behandlung zugeführt. Frau Professor Fried konnte die Teilnehmer davon überzeigen, dass Delfin 4 entgegen bisheriger Befürchtungen seitens der Medizin ein valides Testinstrument ist.

 

Über das Hessische Modellprojekt „Kindersprachscreening“, „KiSS“, berichteten die Hauptverantwortlichen Frau Professor Katrin Neumann, Phoniaterin und Pädaudiologin der Universität Frankfurt a.M. und Herr Professor Harald A. Euler, Psychologe an der Universität Kassel. Das Screening ist ärztlich und testspychologisch motiviert und wird durch das hessische Sozialministerium gefördert. KISS quantifiziert im Gegensatz zu Delfin 4 auch die Aussprache und Redeunflüssigkeiten. KISS soll von Kinder- und Jugendärzten anlässlich einer Vorsorgeuntersuchung bei 4 Jahre alten Kindern durchgeführt werden und die rationelle fachärztlichen Abklärung und Indikation von Sprachübungstherapie (z.B. bei Logopäden) erleichtern. Die Evaluation des Verfahrens zeigte, dass die Ergebnisse gut mit den wesentlich zeitaufwendigeren, aber auch umfassenderen und für eine Vielzahl von Altersgruppen normierten, diagnostischen Test korrelierten. Wenn man den Untersuchern die zu erwartende Prävalenz vorgibt (was der Situation in der Sprechstunde eines Arztes entspricht), betrug die Sensitivitäten um 88 % und die Spezifität 78 %. Diese Werte sind zwar nicht mit pädaudiologischen Screenings oder laborchemischen Screenings vergleichbar, aber für eine so komplexe und mehrdimensionale Leistung wie der kindliche Spracherwerb erstaunlich hoch und besser die bisherige Einschätzung durch informelle Tests.

 

Etwa 5-7 % der Zweit- und Drittklässler haben eine Störung des Schriftspracherwerbs (Lese- und/oder Rechtschreibstörung, „Legasthenie“, Dtsch Ärztebl, 2002, 99: 149, [Heft 12]; Dtsch Arztebl 2003; 100: A 396–406 [Heft 7]). Die phonologische Bewusstheit wird bisher als Schlüsselfähigkeit für den Schriftspracherwerb angesehen, weswegen in Rheinland-Pfalz (für einige Zeit) und Schleswig-Holstein (bis heute) Präventionsprogramme etabliert wurden. Die Übungstherapie zur Verbesserung der phonologischen Bewusstheit wird außerdem oft zu Lasten der Krankenkassen als Sprachtherapie, Indikation „SP2“, verordnet. Frau Professor Renate Valtin, Professorin für Grundschulpädagogik an der Humboldt-Universität Berlin, zeigte in einem Hauptvortrag auf, wie ein Rechtschreiberwerb auch ohne dies Fähigkeiten in Gang kommen kann, Ergebnisse, die mit den Anhängern der bisherigen Lehrmeinung kontrovers diskutiert wurden. Festgehalten werden kann zumindest, dass die unbedingte Notwendigkeit altersdurchschnittlicher Leistungen der phonologischen Bewusstheit zum Zeitpunkt der Einschulung, auch als Inhalt von Übungstherapie, auf dem Prüfstand steht. Ärzte sollten diese Entwicklungen mitgestalten, auch im Hinblick der aktuellen Diskussion, welche Therapien als Basisleistung weiter von den Krankenkassen bezahlt werden sollen und welche nicht.

 

Mehrere Hauptvorträge beleuchteten die Probleme beim Laut- und Schriftspracherwerb bei gleichzeitigem Angebot mehrerer Sprachen. Dabei ist wichtig, das gleichzeitige Angebot richtig zu gestalten und nicht den Spracherwerb einfach auf eine Sprache zu reduzieren. Frau Dr. Cornelia Frigerio Sayilir (Logopädin und Sprachheilpädagogin an der Pädagogischen Hochschule Bern, Schweiz) stellte in ihrem Hauptvortrag eine Untersuchungsmethode vor, die darauf abzielt, die spontane, intuitive Verwendung mehrerer Sprachen in einer Familie zu analysieren und darauf individuelle Handlungsverbesserungen für die Eltern abzuleiten: Gezielte Beeinflussung der Familie und deren Verwendung der Sprachen statt („nur“) Abwälzung des Problems in eine Sprachtherapie. Besonders wichtig für alle Ärzte, die Rechtschreibtests durchführen, z.B. Kinder- und Jugendpsychiater sowie Phoniater und Pädaudiologen, war der Hauptvortrag von Frau Priv.-Doz. Edith Slembek, Universität Lausanne. Sie demonstrierte – systematisch und in eindrucksvollen Beispielen - muttersprachliche Einflüsse auf das Schreibenlernen. Die durch die Muttersprache beeinflussten Wahrnehmungsfehler lassen sich leicht mit Wahrnehmungsfehlern aufgrund AVWS (Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung, F80.20) verwechseln, sind aber eben nicht Folge dieser Krankheit. Die Auswertung muttersprachliche Aspekte wird von den verfügbaren Rechtschreibtests und deren Fehleranalysen nicht unterstützt. Frau Slembek zeigte, wie man diese Einflüsse in Ergänzung zum diagnostischen Rechtschreibtest systematisch erfasst und in Hinweise für ein Training umsetzt.

 

Viele Ärzte kennen die Auswirkungen akuter oder chronischer Heiserkeiten bei Lehrern und Probleme mit Krankschreibungen. Zwar ist die Prophylaxe durch „Stimmbildung“ in den meisten Bundesländern ein fester Bestandteil der Ausbildung zum Grundschullehrer, nicht aber zum Gymnasiallehrer. Frau Dr. phil. Susanne Voigt-Zimmermann, Sprechwissenschaftlerin und Sprachtherapeutin an der Universität Heidelberg, und Herr Priv.-Doz. Dr. Michael Fuchs, Phoniater und Pädaudiologie am Universitätsklinikum Leipzig, berichteten über bisherige Erfahrungen und zukünftige Pläne zur Einführung einer ärztlichen Stimmeignungsuntersuchung bei Bewerbern für den Lehrerberuf und zum Stimmbildungsunterricht im Lehrerstudium.